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Ein Wiener Polizist und die Generalisierung

Der Autor dieses Blogbeitrags möchte anonym bleiben. Er ist Polizist in Wien und gewährt uns einen Einblick in seinen Berufsalltag.


In dieser Welt ist nicht alles nur schwarz und weiß, sondern es sind Grautöne, in denen wir uns meistens bewegen.

Als Polizist oder als Polizistin in Wien hat man immer wieder mit Problemen zu kämpfen, die in anderen Bundesländern Österreichs nicht so in dieser Häufigkeit stattfinden und man ist stets im Fokus der Öffentlichkeit. Ich möchte hier kurz Bezug nehmen auf etwas, was mich im täglichen Diskurs irrsinnig stört:

Die Generalisierung.

Hin und wieder sieht man es in den Medien: Ein Polizist scheint eine Person am Fußboden willkürlich zu treten, unschöne Szenen bei einer Festnahme oder die Geschehnisse bei der Klimademo letzten Jahres. Man kann selbstverständlich auch sagen, wo gehobelt wird, da fallen Späne, aber das ist meiner Meinung nach auch zu kurz gegriffen. Ich streite gar nicht ab, dass es in unserem Verein schwarze Schafe gibt und dass die auch zusätzlich äußerst dumm agieren, wenn sie bei solchen Aktionen ja genau wissen, dass alle Kameras drauf halten. Das mediale Echo ist dann manchmal aber auch etwas überzogen, vor allem wenn man auch noch in Kommentarspalten im Internet Einsicht nimmt. Wichtig ist halt zu sagen, dass die Menschen, die am lautesten schreien, nicht zwingend die Personen sind, die die Meinung der Bevölkerung abbilden. Und wiederum die Kollegen oder Kolleginnen, die solche unschönen Bilder liefern, auch nicht repräsentativ für alle anderen Polizisten sind.

Aus eigener Erfahrung verstehe ich natürlich, wenn einen einmal dienstlich der Faden reißt, wenn jemand stundenlang einen ärgert, einen hindert mit der Familie zusammen zu sein, weil man wegen irgendwelchen Schönwetterdemonstranten Überstunden machen muss oder man sich einfach grundlos von einer wildfremden Person beleidigen lassen muss. Oder einem vorgeworfen wird, man unterstützte Faschisten, was mich persönlich immer zur Weißglut bringt. Stichwort Generalisierung. Aber über all diese Provokationen muss man als Polizist oder Polizistin erhaben sein. Man muss, so schwer es auch ist, seinen oder ihren Job machen und der ist stets im Spannungsfeld der Menschenrechte und kann irrsinnig schwer sein. Was ich hier aber auch von der Bevölkerung einfordere, ist vor allem auch eine Abwägung ihrerseits. Zu erkennen, dass in der Uniform, wie auch so oft gesagt wird, ebenso ein Mensch steckt und dieser genauso ein Individuum ist, wie jeder oder jede andere auch. Wir sind auch alle unterschiedlich und es gibt genauso Kollegeninnen und Kollegen, die jeden Tag aufs Neue versuchen den Bewohnern von Wien zu dienen und ihnen in deren Ausnahmesituationen bestmöglich zu helfen.

Auch bei uns gibt es Linke und Rechte und alles dazwischen.

In dieser Welt ist nicht alles schwarz und weiß, sondern es sind Grautöne, in denen wir uns meistens bewegen.

Darum bitte ich einerseits die normalen Bürger selbst auch abzuwiegen und einen Polizisten oder eine Polizistin auch so zu behandeln wie man selbst gerne behandelt werden möchte und die Polizisten bitte ich andererseits, selbiges zu tun. Ganz nach Kant. Mit dem Zusatz für die Kolleginnen und Kollegen, dass ihr Nervenkostüm ein stärkeres sein muss und dass man, auch wenn es einem fürchterlich ärgert, immer probieren soll, mit erhobenem Haupte aus einer Lage herauszugehen, auch wenn das Gegenüber noch so nervig ist bzw. wenn sich das Gegenüber überhaupt nicht an Kant hält. Das ist das Schwierige an diesem Job, dass wir, wenn uns jemand schlecht behandelt, nicht diesen auch sogleich schlecht behandeln dürfen.

Die Polizisten dieses Landes besitzen das Gewaltmonopol des Rechtsstaates und deshalb sind wir auch mit umfassenden Befugnissen ausgestattet. Wenn man im Rahmen dieser Befugnisse handelt und damit auch selbstverständlich alle Rechte der Betroffenen hochhält, hat man meist ohnehin genug Möglichkeiten, um rechtmäßig zu agieren und wieder Ruhe, Sicherheit und Ordnung zu schaffen. Und dann können auch ruhig Späne fallen und unschöne Szenen entstehen, aber dann kann man das alles auch problemlos begründen. Wenn man jedoch keine Rechtsgrundlage für sein geplantes Handeln hat, dann muss man eventuell auch als „Verlierer“ vom Platz gehen, aber das ist in Ordnung, weil der demokratische Rechtsstaat muss hochgehalten werden. Das muss man aushalten können.

Mir ist wichtig, dass alle da draußen verstehen, dass auch hinter jedem Polizisten und jeder Polizistin ein Bürger oder eine Bürgerin dieses schönen Landes steht und diese das Spiegelbild der Gesellschaft sein sollen, wie in unseren Ausbildungen gerne wiederholt wird. Wir könnten ja zur Abwechslung auch gemeinsam versuchen die Diversität unserer Gesellschaft anzuerkennen, damit dieses Spiegelbild auch ein schönes ist.