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Sex im Lock-Down

Denn am Ende bringen Lust, Sex und ein gutes Körpergefühl den allermeisten Menschen eine höhere Lebensqualität und angenehme bis aufregende Gefühle – und dafür lohnt es sich auch, mal genauer hinzuschauen und reinzuspüren.

Anna Dillinger, Lebens- und Sozialberaterin in Ausbildung unter Supervision

Was macht das mit der Lust?

 

Wo genau wir uns in der „Corona-Krise“ befinden, weiß niemand so richtig zu sagen: Mittlerweile gibt es für die meisten nur noch wenig Einschränkungen, der Alltag der letzten Monate sah allerdings ziemlich anders aus als gewohnt. In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich zu einem ,,Corona-Check-up“ angeregt – zum Hinschauen darauf, wie sich unser Leben in der Krise verändert hat und wie es uns damit geht, was wir vielleicht so beibehalten wollen oder was wir gerne ändern würden. 

Dabei habe ich einen Bereich kurz gestreift, um den es hier nun genauer gehen soll: Sexualität. Auch das betrifft uns alle, ob nun in einer Beziehung oder nicht; ob mit SexpartnerIn oder im Sex-mit-sich-selbst oder gar-kein-Sex Modus. 

Denn drei Monate „Kontakteinschränkungen“ können zu ganz verschiedenen Konstellationen geführt haben: Plötzlich 24/7 mit dem oder der PartnerIn sein – oder sich in einer Fernbeziehung gar nicht mehr sehen. Wer vorher viel unterwegs war, gedatet und sich mit verschiedenen Menschen getroffen hat, musste den Lifestyle – oder das Medium – ändern. Und auch wenn vielleicht nichts von alledem am Start war: Das Gefühl für den eigenen Körper (Fühle ich mich wohl in meiner Haut?) und die Lust auf Sex mit sich selbst ändert sich ja auch phasenweise.

Was also passierte damit im Corona Lock Down? 

  • Wie war das also mit der Lust im Lock-Down?
  • Was hat dazu geführt, dass sie sich verändert hat, öfter da war oder ganz verschwunden ist?
  • Wie übte sich der neue Corona Nicht-Alltag, das nur noch zusammen oder nur noch getrennt oder vielleicht ganz allein sein und der damit verbundene Gemütszustand auf die eigene Lust aus?

Dafür ist es zuallererst mal interessant zu schauen, woher die Lust eigentlich kommt. Es herrscht oft immer noch der Mythos, dass sich Sex und die Lust darauf immer wie von selbst einstellen müssen – ansonsten stimmt wohl etwas nicht. Und daraus resultiert dann wohl auch, dass man leider nichts tun kann, wenn sie weg ist, oder sich der klischeehaften „Lustanreger“ wie heiße Dessous oder ,,mal was neues“ bedienen muss. Versteht mich nicht falsch, Lust auf neue Dinge zu haben ist toll, man soll dem nachgehen und sich daran erfreuen. Es macht aber einen Unterschied, ob diese als die einzigen Helfer gesehen werden und dementsprechend irgendwann auserzählt sind oder ob sie spielerisch ausprobiert werden.

Während es durchaus seine Berechtigung hat, der Lust auf Sex – genauso wie übrigens auch der Harmonie in Beziehungen – ein phasenweises Auf- und Abebben zu unterstellen und es mir wichtig ist zu betonen, dass das wirklich völlig normal und gesund ist, liegt in der Annahme der mysteriösen Lust ein potenziell großer Nachteil: das Verspüren von Druck oder Schuld. Auf der einen Seite der Druck, die Lust auf Abruf spüren zu sollen; auf der anderen Seite ,,ist das dann halt wohl einfach so“, wenn sie weg ist. Die Lust als rätselhafte Kraft. So nährt sich nebenbei das Vorurteil: „Männer haben immer Lust – und Frauen halt einfach weniger.“ 

Aber was bringt es uns, so zu denken? Es bringt uns eine ,,So ist das“ Haltung und keinen Spielraum für Veränderung. Ziemlich unsexy.

Viel spannender ist es, zu verstehen, dass unterschiedliche Arten von Lust existieren und sie vor allem auf unterschiedliche Art herausgekitzelt werden oder sich einladen lassen. Bei der einen zeitweise ziemlich unkompliziert, beim anderen vielleicht komplexer. Da sind wir wohl mal wieder alle sehr unterschiedlich und genau das gilt es zu entdecken, will man sich mit seiner eigenen Lust beschäftigen.

Dafür kann es lohnen, sich das duale Kontrollmodell der sexuellen Erregbarkeit anzuschauen (Ich kenne es aus dem Buch ,,Come as you are“ von Emily Nagoski und von der Sexologin Ann-Marlene Henning). Es basiert auf der Vorstellung, dass jede/r von uns Faktoren hat, die unsere Lust beschleunigen und anregen (Gas!) und demgegenüber auch oft gar nicht so wenige Faktoren, die sie runterfahren (Bremse!).

Das können sehr unterschiedliche Dinge sein. Bei meiner Freundin K. drücken kalte Füße und eine offene Schlafzimmertür massiv auf die Bremse, ein Klient von mir beschrieb ,,dieses Rattern im Kopf, was ich morgen alles bei der Arbeit machen muss“ als seine Lust drosselnd.

Was für die einen ein Abturner ist, kann für andere das Gaspedal bedeuten: Licht an und Vorhänge offen lassen zum Beispiel. 

Wer eine starke Bremse hat, tut gut daran, den Fuß etwas vom Pedal zu nehmen, anstatt einfach noch mehr aufs Gas zu gehen. Denn sonst fährt gar nichts los. Aber wie kann das funktionieren? Zuallererst einmal herausfinden, was meine ganz eigenen Bremsfaktoren sind und dann überlegen, was davon – und sei es nur als ganz kleiner Schritt für den Anfang – rausgeworfen oder so abgeändert werden kann, dass es keinen Tritt mehr auf die Bremse benötigt.

Wem die Gründe fürs Gas-Geben fehlen steht vor einer Eigen-Erkundung:

  • Was macht mich an?
  • Brauche ich Entspannung oder Aufregung, um in die Lust zu kommen?
  • Was passiert bevor es zum Sex mit mir oder jemand anderem kommt?

All diese Fragen kann man sich stellen, ob alleine, mit PartnerIn oder im Austausch mit FreundInnen. Und sollte einen das Thema schon länger beschäftigen oder man einen Leidensdruck verspüren, kann eine Sexualberatung helfen.

Denn am Ende bringen Lust, Sex und ein gutes Körpergefühl den allermeisten Menschen eine höhere Lebensqualität und angenehme bis aufregende Gefühle – und dafür lohnt es sich auch, mal genauer hinzuschauen und reinzuspüren.