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Phänomen Schaulustige

Beitrag einer Polizistin über Zivilcourage, Schaulustige und Leserreporter

Ich möchte es fast schon als Phänomen bezeichnen, was ich so Tag täglich bei manchen Einsätzen erlebe. Als Polizistin, sind meine Kollegen und ich oftmals als erstes am Einsatzort. Gerade auch bei medizinischen Einsätzen, die beim Notruf auf akute Lebensgefahr schließen lassen oder einen größeren Personenkreis betreffen könnten, werden Polizei, Rettung und Feuerwehr gleichzeitig an einen Einsatzort entstandt.

Ich möchte von einem Einsatz erzählen, der so beispielhaft für viele andere steht. Eine Reanimation in einer U-Bahn-Station.

Einsatzgrund: „Defi-Einsatz in der U-Bahnstation XY“ (Anm. Defi= Defibrillator)

Als mein Kollege und ich in der besagten U-Bahn-Station eintrafen, lief das normale Leben so normal ab, dass wir uns dachten, dass es einen Irrtum geben muss, was die Einsatzadresse anging. Wir versuchten die Nummer zurückzurufen, die den Notruf getätigt hat. Dort war jedoch niemand erreichbar. War es vielleicht gar nur ein „Scherz-Anruf“? 

Aus allen Richtungen strömten Personen in den Wartebereich der U-Bahn. Diese Station hat mehrere Zugänge. Doch egal aus welcher Richtung die Menschen auch kamen und uns mit Handschuhen, Defibrillator und vorbereiteter Beatmungsmaske mit hochroten Köpfen augenscheinlich einsatzbereit sahen, machte niemand auf sich aufmerksam oder den Eindruck an einem Menschen vorbei gekommen zu sein, der gerade um sein Leben kämpfte. Wir liefen alles ab und fanden beim letzten Zugang der noch übrig geblieben war, direkt am Ende einer Rolltreppe, eine reglose alte Frau am Boden. Eine junge Frau führte eine Herzdruckmassage an ihr durch. Daneben lag ein Handy, auf dem ein Notrufbeamter der Wiener Rettung die Reanimation anleitete. Wir gaben uns als Polizei zu erkennen. Erst als der Notrufbeamte uns über das Telefon hörte und der Frau sagte, dass sie nun unterstützt wird, sah sie mir mit bleichem Gesicht in die Augen. Schock, Verzweiflung und gleichzeitig Erleichterung standen ihr in diesem Moment ins Gesicht geschrieben. Als ich ihr sagte, sie könne nun eine Pause machen wir übernehmen, schossen ihr Tränen in die Augen. 

Was folgt ist nun besagtes Phänomen, das bereits an unzähligen Einsatzorten über mich hereinbrach. 

Als wir eintrafen kämpfte eine überforderte junge Frau ALLEINE, verzweifelt mit einem Handy neben sich um das Leben einer Frau, die am Ende der Rolltreppe zusammengebrochen und liegen geblieben war. Die junge Frau war ein paar Stufen hinter der alten, dazwischen einige andere Personen. Als die Frau zusammenbrach, blieben diese Personen kurz stehen, gingen anschließend jedoch weiter, ohne zu helfen. 

Die junge Frau wählte den Notruf und führte in weiterer Folge die lebensrettenden Sofortmaßnahmen durch, weshalb sie auch für uns nicht mehr erreichbar war. Um sie herum standen bei unserem Eintreffen drei bis vier Personen, die zwar stehen geblieben sind, jedoch weiter untätig waren.

Alle anderen gingen daran vorbei, als wäre nichts.

Ein paar stiegen dazu sogar über die Beine der Zusammengebrochenen, da sich diese erdreistete im Weg der anderen ihr Bewusstsein zu verlieren. 

Als wenige Minuten nach uns die Rettung eintraf und die Reanimation übernahm, wollte ich meinen eigentlichen Aufgaben nachkommen und erheben, was passiert ist. Ich staunte nicht schlecht, welche Traube sich innerhalb kürzester Zeit rund um uns gebildet hat. Auf uns gerichtet auch mehrere Handys, die die Situation per Video festhielten. 

Das Phänomen, das ich meine, lässt sich ungefähr so beschreiben.

Kommt es zu einer Unglückssituation oder einem Unfall oder Ähnlichem, fühlen sich nur die aller, aller wenigsten in irgendeiner Art und Weise dafür verantwortlich zu helfen oder etwas zu unternehmen, nach dem Motto: „Zivilcourage ist super, wenn es andere machen.“

So versuchen viele, sich gar nicht in ihrem Alltag stören zu lassen und solche Situationen auszublenden. Wenn Rettung, Feuerwehr oder Polizei dann arbeiten, gibt es aber plötzlich Streit um die besten Plätze in der ersten Reihe. Unzählige Gaffer, die sich am Leid anderer ergötzen– und das gesellschaftlich voll akzeptiert. Im Gegenteil, wer das beste Foto oder Video erwischt bekommt vielleicht noch seine €50.- Gage als Hobby- oder Leserredakteur von einer Tageszeitung oder ein paar tausend Klicks auf Social-Media. 

Zugegeben, diese Situationen machen mich wahnsinnig. Nach dem Sicherheitspolizeigesetzt gibt es seit einiger Zeit die Möglichkeit Schaulustige vom Vorfallsort wegzuweisen. Das heißt aber im Falle eines solchen Einsatzes braucht es Einsatzkräfte, die sich um Verletzte, Verunfallte, Verhaftete, oder wer sonst noch das Interesse der Allgemeinheit erweckt, kümmern und zusätzlich welche, die sich mit den Schaulustigen beschäftigen. In Zeiten von Personalmangel quer durch alle Einsatzorganisationen, ein schwieriges Unterfangen.

Ein Hauptproblem ist immer wieder, dass nachkommende Einsatzkräfte nicht mehr, oder nur mit erheblichem Zeitaufwand zum Einsatzort durchkommen, da Schaulustige Zugangswege versperren. Viel zu oft kommt es vor, dass die Polizei nur zum Einsatzort ausrücken muss, um der Rettung oder der Feuerwehr einen Weg zum Ort der Hilfeleistung freizumachen und das in Situationen, in denen jede Sekunde zählt.

Zurück zu diesem Einsatz. Die Frau war tot. Vermutlich schon bei unserem Eintreffen und möglicherweise auch schon als die junge Frau zu reanimieren begann. Vermutlich schon zu dem Zeitpunkt, als einige über sie drüberstiegen und einfach weiter gingen. Und auch schon, als sich eine Menge Schaulustiger versammelte und zu filmen und fotografieren begann. 

Liebe:r Leserreporter:in, liebe:r Schaulustige!

Stell dir vor bei diesem Einsatz wäre es um deine Mama oder Oma gegangen. Fändest du es in Ordnung ein Foto von ihr in der Zeitung zu sehen? Ihr Gesicht wäre ja eh „verpixelt“…

Stell dir vor du stolperst zufällig auf Social Media über das Foto deiner toten Mama, Oma, Freundin, Bekannten, weil es jemand veröffentlicht hat, noch bevor dich jemand über den Vorfall verständigen konnte…

Vielleicht hast du gemeinsam mit anderen den Weg verstellt und bist somit mitverantwortlich, dass ein Patient ein paar wertvolle Minuten am Weg ins Spital verloren hat und es somit nicht mehr zu seiner notwendigen OP/ Versorgung geschafft hat….

Auch wenn du in der Anonymität des Internets oder des Leserreporters diese und weitere Fragen nicht von anderen gestellt bekommst, ist es eine Sache der Ehre, sie sich selbst zu stellen und es beim nächsten Mal vielleicht gar nicht mehr so weit kommen zu lassen, dass es diese Fragen überhaupt geben muss.