Kategorien
Blog Psychologische Beratung

Der Corona Check-Up

Vielleicht ist jetzt – vom Gefühl her schon Post-Corona mit einem Schuss Unsicherheit darüber, wie es weitergehen wird – genau der richtige Zeitpunkt für eine Systemüberprüfung und ein Update.

Anna Dillinger, Lebens- und Sozialberaterin in Ausbildung unter Supervision

Das eigene System überprüfen, wenn alles aus dem Gleichgewicht gerät!

Der Corona Virus hat in den letzten Monaten unser aller Leben auf den Kopf gestellt und das auf ganz unterschiedliche Art und Weisen. Für die einen waren plötzlich Job und Beschäftigung weg, andere mussten in ihrem Beruf plötzlich rund um die Uhr unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Für manche bedeutete Homeoffice, endlich weniger Zeit im Auto beim Pendeln zu verbringen und mehr beim Radfahren. Andere mussten von heute auf morgen zuhause arbeiten und Kinder unter einen Hut bekommen. So viele Menschen es gibt, so viele individuelle Corona-Situationen und damit verbundene Gefühlslagen gehen damit einher. 

Denn wenn sich ganz plötzlich etwas ändert, kommt erst mal das gewohnte Gleichgewicht durcheinander. Oft wird einem erst jetzt bewusst, wie es bisher eigentlich gelaufen ist.

So wie ein Sturm, der alles durcheinanderbringt, einem hinterher so richtig klar macht, was wo – und wie fest verwurzelt – stand.

Das erklärt auch die ganz unterschiedlichen Reaktionen: War vorher bei mir alles voll und anstrengend, habe ich mit weniger Arbeit vielleicht endlich mal die Möglichkeit, durchzuatmen und zu merken, dass es zu viel war. Mir kann aber auch das ,,Sinnvolle“ fehlen, ich fühle mich nicht mehr erfüllt und mir wird bewusst, wie wichtig meine Beschäftigung für meine psychische Ausgeglichenheit ist.

Wird alles plötzlich noch mehr und in einer Art ,,Ausnahmezustand“ hochgefahren, zeigt sich außerdem, ob und wie mein bisheriges System so einen Notfall aushält und wie gut es dafür gerüstet ist.

Kollabiert es schnell oder kann ich gut eine Zeit lang auf Hochtouren funktionieren und woran merke ich, dass wirklich Stopp ist?

Vielleicht ist jetzt – vom Gefühl her schon Post-Corona mit einem Schuss Unsicherheit darüber, wie es weitergehen wird – genau der richtige Zeitpunkt für eine Systemüberprüfung und ein Update. Was ganz schön technisch klingt, lässt sich auch auf Menschen und Gefühle übertragen. Oft braucht es eine Krise, um ein gewohntes System aus den Angeln zu heben und Platz für Veränderung zu machen, mit Corona haben wir sie frei Haus und ungebeten ins Haus bekommen: Und das mehr oder weniger Alle, zum gleichen Zeitpunkt. Deswegen kann auch jede/r mitreden, hat jede/r seine oder ihre Geschichte zu Corona zu erzählen. Und es kann spannend sein, die eigene Geschichte mal genauer anzuschauen, zu überprüfen – um vielleicht etwas daraus für die Zukunft mitzunehmen. Dabei gibt es natürlich nicht nur den Faktor Job oder Arbeit. Was ist mit deiner Familie? Haben sich deine Beziehung oder deine Freundschaften geändert? Mit den äußeren Veränderungen kommen für gewöhnlich auch die Inneren. Und so sind auch die eigenen Gefühle der letzten Monate mehr als wert, einmal unter die Lupe genommen zu werden.

Und hier kommt ,,Der Corona Check-Up“ ins Spiel: Erinnere dich an den Beginn der Corona-Zeit.

Was hat sich plötzlich und direkt für dich verändert? Wie sah dein Tag oder deine Woche vorher aus, und wie nach Beginn der Beschränkungen und des Lock-Downs?

Sammle alle Bereiche für dich, die von Veränderungen betroffen waren oder sind. Hier sind einige Inputs für dich, die du beliebig erweitern kannst:

  •  Job. Fahrtwege. Arbeitszeit. Arbeitsort. Finanzen. 
  • Angst vor Ansteckungsgefahr?
  • Zuhause sein: Zusammenleben mit XY. Partnerschaft. Kinder. Homeschooling. Sich kümmern. Aufgaben & Arbeit zuhause. Aktivitäten drinnen.
  • Allein sein. Einsam sein.
  • Freundschaften und Familie (die nicht im eigenen Haushalt leben). Kontakt. Aktivitäten draußen.
  • Mein Körper. Sport. Entspannung. Kochen und Essen. Sexualität: Lust auf Selbstbefriedigung oder Sex. Körperempfinden.

…Und jetzt kommen noch alle Bereiche, die dir einfallen!

Schaue dir die Veränderungen an und überlege oder notiere dazu, wie du das findest: Ist es besser oder schlechter für dich? Wie fühlst du dich damit? Wie reagierst du auf die Veränderungen bisher? Was wünscht du dir?

Ich glaube, die meisten finden so einige Bereiche, in den das Neue, Ungewohnte auch eine ziemlich clevere und coole Lösung hervorgebracht hat, die man gerne in seinem Leben behalten will.  Vielleicht gibt es auf der anderen Seite aber auch Themen, die sich gar nicht gut anfühlen und mit denen du unzufrieden bist. Das muss nicht zwangsläufig etwas sein, wo es eine große Veränderung gab. Für manche wirkt eine Krise wie ein Brennglas: ein kleines Zwicken wird auf einmal unaushaltbar, weil sich der Fokus und das Drumherum verändert hat.

Ein Beispiel aus meiner Praxis:

Ihre Beziehung war „eh ok“ und hat gut funktioniert, weil meine Klientin P. Zeit für sich und ihre FreundInnen hatte, zweimal die Woche zum Karate ging und mindestens einmal im Monat für eine Woche nach Deutschland fuhr. Das war ihr System. Und all das fiel mit Corona weg und da war sie plötzlich: Die meiste Zeit mit ihrem Partner zusammen. Und da funktionierte es nicht mehr so gut, auf einmal störte sie seine Anwesenheit. Sie begann sich zu fragen: Was ist da los? Will ich diese Beziehung? Und wird alles wieder ,,gut“, wenn ich mein normales Leben zurückbekomme oder bleibt doch etwas über?

Der Corona ,,Check-up“ gibt dir die Möglichkeit, mal ganz grob draufzuschauen, wie und in welchen Bereichen du mit deinem Leben zufrieden bist und ob du dir aus der Krise etwas mitnehmen willst. Es geht nicht um zwangsweise Optimierung, sondern um eine Standortbestimmung. Wie geht’s mir jetzt da, wo ich gerade bin? Will ich etwas in meinem Leben, für das ich selbst in großen Teilen verantwortlich bin, ändern? Falls ja, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, das Thema anzuschauen. Falls nein – auch gut. Spannend ist es allemal.